Kastration & Sterilisation beim Hund

 

In der Praxis erlebe ich es immer wieder, dass Tierhalter auf die Frage "Ist sie kastriert oder sterilisiert?" antworten: "Sterilisiert natürlich. Sie ist ja ein Mädchen." Immer noch denken viele Tierhalter, dass Männchen automatisch kastriert und Weibchen sterilisiert werden.

 

Deshalb möchte hier zu Beginn kurz auf den Unterschied zwischen Sterilisation und Kastration eingehen, welches beides sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Tieren möglich ist.

 

Sterilisation 

 

Der Begriff Sterilisation beschreibt einen medizinischen Eingriff, bei dem der Patient unfruchtbar gemacht wird. Dies geschieht durch eine Unterbindung der Keimwege. Beim Männchen durch Unterbindung der Samenleiter, beim Weibchen durch Unterbindung der Eileiter. Die Keimdrüsen, also die Hoden beim männlichen Tier bzw. die Eierstöcke beim weiblichen Tier werden im Körper belassen. Da die Keimdrüsen selbst weiterhin voll funktionstüchtig sind, bleiben die Sexualfunktionen und damit auch die Sexualtriebe erhalten. Das bedeutet, ein männliches Tier wird nach wie vor die Weibchen extrem interessant finden mit allem, was dazu gehört, die Weibchen werden weiterhin läufig, rollig, scheinträchtig etc. Auch die Gefahr einer Gebärmutterentzündung, der sog. Pyometra, bleibt bestehen.

 

Kastration

 

Die Kastration (von lateinisch castrare „kastrieren“, auch „schwächen, berauben) hingegen ist die chirurgische Entfernung der Gonaden, also der Keimdrüsen. Beim männlichen Tier werden die Hoden entfernt, beim weiblichen Tier die Eierstöcke (Ovarektomie) bzw. Eierstöcke und Gebärmutter (Ovariohysterektomie). In den meisten Fällen wird eine Ovariohysterektomie durchgeführt. Da mit den Gonaden die Bildungsstätte der Sexualhormone entfernt wird, reduziert sich bei Hunden beispielsweise das typische Rüdenverhalten, die Hündin wird nicht mehr läufig und scheinträchtig. 

 

Das Tierschutzgesetz verbietet in Paragraph 6 das Entfernen oder Zerstören von Organen oder Körperteilen ohne medizinische Indikation. Somit ist die Kastration als routinemäßige Amputation der Gonaden verboten. Der Gesetzgeber räumt jedoch Ausnahmen ein, wie das Vorliegen einer medizinischen Indikation, die Verhinderung einer unkontrollierten Fortpflanzung oder, wenn ohne die Operation eine weitere Haltung des Tieres nicht möglich ist. Die Kastration als prophylaktische Maßnahme schon bei Jungtieren kann nicht als vernünftiger Grund angesehen werden. Der Wunsch des Tierbesitzers ist dafür nicht ausreichend und eine nur aus Bequemlichkeit vorgenommene Kastration damit illegal. Viele Tierärzte wägen daher inzwischen genau ab, ob eine Kastration medizinisch oder aus verhaltenstherapeutischer Sicht notwendig und sinnvoll ist. 

 

Gründe für eine Kastration beim Hund

 

Rüde:

  •  unerwünschtes oder übersteigertes Sexualverhalten
  • sexualhormonbedingte Aggressivität (da es viele Ursachen für Aggressivität gibt, ist hier zu beachten, dass bei aggressiven Rüden, bei denen die Ursache kein gestörter Sexualhormonhaushalt ist, eine Kastration nichts an der Aggressivität verändert)
  • Prostataerkrankungen
  • Hodentumoren

 

Hündin:

  • Verhinderung von Läufigkeit und daraus resultierender Trächtigkeit (z.B. in einem Haushalt mit intakten Rüden und Hündinnen)
  • hochgradige Scheinträchtigkeiten (das ist zu unterscheiden von der normalen Scheinträchtigkeit nach der Läufigkeit, die hormonell bedingt und ein völlig normales Geschehen ohne Krankheitswert ist)
  • Zyklusstörungen mit Hautveränderungen
  • zyklusabhängige Gesäugetumoren

 

Kastration, Verhaltensauffälligkeiten und Tumoren

 

Ein gern gebrachtes Argument für eine Kastration ist die Verringerung des Krebsrisikos sowie die Reduzierung von Verhaltensauffälligkeiten. Schon länger wird in veterinärmedizinischen Fachkreisen darüber diskutiert, ob eine Kastration nicht doch weitreichendere Folgen haben kann als bisher angenommen. In der Zeitschrift "Vetimpulse" vom 01.09.2014 erschien ein Artikel zum Thema "Kastration beim Hund". Eine aktuelle Studie, die in diesem Artikel vorgestellt wurde, unterstützt diesen Ansatz.

 

Amerikanische Tierärzte untersuchten in dieser Studie, ob eine Kastration die Entstehung von Krebs begünstigt und Verhaltensauffälligkeiten unterstützt oder sogar entstehen lässt. Für diese Studie wurden Daten von  2500 Vizlas aus 25 Ländern erhoben und ausgewertet. 

 

24% der in der Studie erfassten Hunde erkrankten im Laufe ihres Lebens an einer Krebsform. Krebs war bei dieser Rasse aber generell die häufigste Todesursache. Erschreckend ist hingegen die Tatsache, dass bei den kastrierten männlichen und weiblichen Tieren etwa 5-mal so häufig Tumorerkrankungen auftraten als bei den unkastrierten Studienteilnehmern und diese Hunde bei der Diagnosestellung zudem deutlich jünger waren als ihre unkastrierten "Kollegen". 

 

Von über 1000 Hunden hatten lediglich 11 Tiere Gesäugetumoren, 250 Tiere erkrankten an anderen Krebsarten. Der positive Effekt auf die Entstehung von Gesäugetumoren scheint also nicht so hoch zu sein, wie bisher angenommen. Auch ist zu bedenken, dass das tatsächliche Risiko einer solchen Tumorentwicklung bei etwa 2 % der unkastrierten Hündinnen liegt und diese Tumoren überwiegend im fortgeschrittenen Lebensalter auftreten. Das Risiko für Gesäugetumoren ist also insgesamt nicht so hoch wie oftmals beschrieben.

 

Nach einer Studie der wissenschaftlichen Universität Brno wurden 17053 Hündinnen untersucht, darunter fanden sich 214 Hündinnen mit einem Tumor (gut- und bösartige Tumore wurden zusammengerechnet). Das entspricht einem Anteil von 1,25%.

 

Bei der frühen Kastration von Hunden in einem alter von 6 Monaten oder jünger konnten im Rahmen der Studie häufiger Verhaltensstörungen beobachtet werden als bei anderen Tieren. Das Alter zum Zeitpunkt der Kastration scheint also beim späteren Verhalten eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. Je jünger die Tiere bei der Kastration waren, desto früher zeigten sich Probleme. Besonders häufig waren die Angst vor Sturm und Gewitter, es traten jedoch auch andere Störungen auf. 

 

In der Bielfelder Kastrationstudie werden Heidelberger und Unshelm (1990) mit folgender Aussage zitiert:”…aggressives Verhalten beiderlei Geschlechts gegenüberArtgenossen und auch gegen Menschen tritt häufig erst nach einer Kastration auf…”. Die Studie von Dr. Gabriele Niepel (2002) kommt zu folgenden Ergebnissen: 

 

Gesundheitliche Veränderungen durch eine Kastration bei Hündinnen:

  • Fellveränderungen: 49 %
  • Gewichtszunahme: 44 %
  • vermehrter Hunger: 40 %
  • Harntröpfeln: 28%
  • Veränderungen in der Skelettentwicklung: 4 %

 

Verhaltensänderungen durch eine Kastration bei Hündinnen:

  • größere Ausgeglichenheit: 51 %
  • aktiveres Verhalten: 22 %
  • lethargisches Verhalten: 15 %
  • geringere Aggressivität gegen andere Hündinnen: 12 %
  • erhöhte Aggressivität gegen andere Hündinnen: 9 %
  • erhöhte Aggressivität gegen andere Hunde allgemein: 11 %

 

Gesundheitliche Veränderungen durch eine Kastration bei Rüden:

  • Gewichtszunahme: 47 %
  • vermehrter Hunger: 46 %
  • Verschwinden von Vorhautentzündungen: 45 %
  • Fellveränderungen: 32 %
  • Harnträufeln: 9 %
  • Veränderungen in der Skelettentwicklung: 3 %

 

Verhaltensänderungen durch eine Kastration bei Rüden:

  • ausgeglicheneres Verhalten: 63 %
  • verbesserter Gehorsam: 34 %
  • verminderte Aggressivität gegen andere Rüden: 34 %
  • Besteigungsversuche durch andere Rüden: 19 %
  • lethargisches Verhalten: 13 %
  • Unsicherheit im Umgang mit anderen Hunden: 7 %
  • verminderte Aggressivität gegenüber der Familie: 7 %
  • verminderte Aggressivität gegenüber Fremden: 2 %

 

Bei Rüden scheinen die Veränderungen im Aggressionsverhalten eine deutliche Altersabhängigkeit zu besitzen: Bei Rüden, die zum Zeitpunkt der Kastration jünger als 6 Monate waren, aber auch bei etwas älteren Rüden, die zwischen 6 und 12 Monaten alt waren, zeigt sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erhöhtes Aggressionsverhalten gegenüber anderen Hunden beiderlei Geschlechts oder die Tiere fallen durch verminderte Ausgeglichenheit auf.

 

3 % der Hunde beiderlei Geschlechts zeigten nach der Kastration eine verlängerte Wachstumsperiode, allerdings auch hier wieder altersabhängig: betroffen waren 35 % der Tiere, die zum Zeitpunkt der Kastration unter 6 Monate alt waren. 

 

 

Zusammengefasst kann man also sagen, eine Kastration 

  • vermindert aggressives Verhalten gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen nur, wenn die Ursache im Sexualhormonhaushalt liegt
  • kann das Leben eines hypersexuellen Rüdens oder einer über die Läufigkeit hinweg besonders gut riechenden Hündin wesentlich erleichtern, es gibt jedoch Möglichkeiten, diese Hormonstörungen zu behandeln
  • senkt das Risiko für Gesäugetumoren bei Hündinnen nur marginal 
  • kann zu Inkononenz führen
  • führt bei Frühkastration (vor der sexuellen Reife) häufig zu einem nicht gefestigten Charakter

 

Risiken / mögliche Spätfolgen im Vergleich 

 

Hündinnen kastriert / Risiko Hündinnen unkastriert / Risiko
   
Risiko für Übergewicht x2 Analfisteln x6
Risiko für Herztumoren x8 Pyometra
Akute Pankreatitis Gesäugetumoren (s. Studie)
Hämangiom Scheidenentzündung / -tumore
Nieren-/Blasengeschwüre  
chron. Hornhautentzündung   
Schilddrüsenüberfunktion  
Schilddrüsenkrebs  
Tod während Operation  
Schwund von Muskelmasse & Bindegewebe  
Risiko für Harninkontinenz x8  
Rüden kastriert / Risiko Rüden unkastriert / Risiko
   
Risiko für Übergewicht x2 Analfisteln x6
Prostatakrebs    Leukämie
Schilddrüsenüberfunktion Hodenkrebs
Schilddrüsenkrebs

kürzeres krankheitsfreies

Intervall bei Lymphoma

Tod während Operation                      
Diabetes  
Nieren-/Blasengeschwüre  

 

Es gibt also eine Menge Dinge zu bedenken, bevor man sich zu einer Kastration entschließt. Neben den genannten Punkten kommen natürlich auch die Risiken der Operation selbst dazu. Eine Kastration wird immer unter Vollnarkose durchgeführt und ist besonders bei weiblichen Tieren alles andere als ein kleiner Eingriff.

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Gulahund Yellowdog Program

Tierheilpraxis für Hunde & Katzen

Christina Wick

Tierheilpraktikerin

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Nach dem deutschen Heilmittelwerberecht § 3 muss ich darauf hinweisen, dass es sich bei den hier vorgestellten Methoden, sowohl therapeutischer als auch diagnostischer Art, um Verfahren der alternativen Medizin handelt, die wissenschaftlich umstritten und schulmedizinisch nicht anerkannt sind.